3. Treffen (Theorie) - 27. 6. bis 1. 7. 2012

  • Leitung: Prof. Barbara Beyer
  • Assistenz und künstlerische Mitarbeit: Roman Lemberg
  • Wissenschaftliche Mitarbeit: PD Susanne Kogler

 

Teams

I

  • Clara Hinterberger (Regie)
  • Anika Söhnholz (Ausstattung)

II

  • Roman Lemberg (Regie)
  • Martin Miotk (Ausstattung)

III

  • Johannes Rieder (Regie)
  • Christoph Ernst (Ausstattung)



Gast

  • Prof. Carl Hegemann (Chefdramaturg Thalia-Theater, Hamburg)



27. 6.

Anreise


28. 6.
11.00 Uhr, Vorsingen für die Produktion “Così fan tutte”, mit Prof. Günter Fruhmann (KUG, Oper Graz), Prof. Antonius Sol (KUG) und Maris Skuja (Oper Graz)
im Anschluss Organisation


30. 6.
Vortrag von Carl Hegemann: “Kunst und Nicht-Kunst im Zusammenhang des Musiktheaters”
Diskussion


1. 7.

Fortsetzung der Diskussion mit Prof. Carl Hegemann

 

 

Das dritte Treffen ist wieder der theoretischen Betrachtung gewidmet. Es setzt ein mit der Diskussion der folgenden Themen. Sie werden in Bezug auf ihre Entwicklung, ihre aktuellen Ausprägungen und die eventuellen Anregungen, die sie für eine zukünftige Arbeit des Projektes bieten könnten, diskutiert: 

Bühnenbild

Wie selbstständig kann das Bühnenbild  funktionieren? Kann es als Installation für sich stehen, während die szenische Aktion gewissermaßen unabhängig von ihm in ihm stattfindet? Oder muss es in Bezug zur Szene konzipiert und auf sie ausgerichtet werden?

Zeitstrukturen

Wie werden sie erlebt? Wie können sie zu Material der Komposition der Inszenierung werden?

Soziale Identitäten // Rahmungen

Anhand der Thesen von Erving Goffman, der das Theater als Bezugspunkt für die Interpretation aller sozialen Interaktion nutzt, wird die Frage behandelt,  wie sich Identität kreiert. Die Theorien von E. Goffman  zur Rahmenanalyse sind in Bezug zu theatralen Inszenierungen entwickelt und z. B. auch in der Lektüre von „Così fan tutte“ anwendbar. (Im folgenden Gespräch nimmt C. Hegemann darauf Bezug)

 

Gespräche mit Prof. Carl Hegemann

Kunst

In der Entwicklung des Kunstbegriffs setzt C. Hegemann bei Friedrich Schiller an, der neben dem „Reich der Kräfte“ – d.h. der Naturgesetze - und dem „Reich der Gesetze“ - d.h. der kulturellen Arbeit des Menschen - ein „ fröhliches drittes Reich“ etabliert, in dem die Gesetze der anderen beiden außer Kraft gesetzt sind, das ist der Bereich der Kunst. In ihrem Bereich entfaltet sie sich ganz frei und entkommt den Zwängen von Stoff- (Naturgewalt) und Formtrieb (menschliche Arbeit und Gesetze, Moral) im Spieltrieb (im Schein).

Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann bringt das Unvorhergesehene / das Überaschende ins Spiel des Kunstbegriffes. „Ein Kunstwerk definiert sich durch die Unwahrscheinlichkeit seines Zustandekommens“

Allerdings, und das zeichnet sich heute immer stärker ab, wird das Reservoir der Möglichkeiten für Überraschungen mit jedem Einsatz eines unvorhersehbaren Ereignisses immer kleiner.

Kunst gerät heute leicht in die Gefahr, nur noch wie Kunst auszusehen, und damit insgesamt vorhersehbar zu sein. Dazu Boris Groys: „Wenn ein Kunstwerk wie Kunst aussieht, ist es keine Kunst“

In einem dritten Schritt bleibt der Kunst, will sie die Unwahrscheinlichkeit erreichen, die sie nach wie vor als Kunst erst definiert, nur noch die Möglichkeit sich mit Nicht-Kunst zu verbinden. Nicht-Kunst ist dabei verstehbar als anderer Aspekt, als eine weitere Definition des „Performativen“: Das Reale, das in den Bereich der Kunst zufällig eintritt oder bewusst einbezogen wird. (Bsp. Die unvorhersehbaren Aktionen der Laien und Behinderten in Christoph Schlingensiefs Inszenierungen.) 

Wie eine konkrete Richtschnur kann für C. Hegemann gelten: Kunst ist nur etwas, was sich zeigt als Kunst und Nicht-Kunst zugleich. Die Unwahrscheinlichkeit kommt aus dem Bereich der Nicht-Kunst in die Kunst…

 

Die Oper „Così fan tutte“ wird von Carl Hegemann vor allem als Krisenexperiment (im Sinne der kalifornischen Ethno-Methodologie der 70er Jahre) verstanden: Vertraute Rahmungen werden durch Änderungen von Gewohntem außer Kraft gesetzt. Das bewirkt in der Realität schon bei kleinen Irritationen im privaten Rahmen einen Schock, im vergrößerten Maßstab der Oper werden aus der Theatertradition heraus die unrealistischen Verkleidungen eingesetzt, um die Figuren aus ihren Sicherheiten zu reißen und die Krise auszulösen.

Wie kann das gesamte Ereignis einer Opernaufführung eine ähnliche Wirkung entfalten wie das dargestellte Krisenexperiment? Welche Rahmungen, welche Erwartungen können hier durcheinandergebracht werden? Die Unklarheit, „was ist gespielt, was real?“ oder „Ist das ein Schauspieler oder nicht?“ weisen sich als Mittel. Dabei stellt sich immer die Frage, wieweit sie bewusst eingesetzt und in den Aufführungen wiederholt werden können, da sich das Unvorhergesehene bekanntlich schnell abnutzt.

Zentral wäre eine Konfrontation der Oper mit Ereignissen aus anderen Zusammenhängen. In der Kunst geht es um Verschiebungen von Gegenstände und Gedanken im Raum (und in der Zeit.) Sie werden mit anderen zusammengebracht und erscheinen an Orten an denen man sie nicht erwartet. Hier sind dem Projekt die größten Chancen geboten, das Unvorhergesehene sich ereignen zu lassen.