1. Treffen (Theorie) - 27. 2. bis 1. 3. 2012

  • Leitung: Prof. Barbara Beyer
  • Assistenz und künstlerische Mitarbeit: Roman Lemberg
  • Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Susanne Kogler

 

Teams

I

  • Clara Hinterberger (Regie)
  • Anika Söhnholz (Ausstattung)

II

  • Roman Lemberg (Regie)
  • Martin Miotk (Ausstattung)

III

  • Johannes Rieder (Regie)
  • Christoph Ernst (Ausstattung)



Gäste

  • PD Stephan Mösch (Chefredakteur der Zeitschrift “Opernwelt”)
  • Prof. Dr. Klaus Zehelein (Präsident der Bayerischen Theaterakademie, Präsident des deutschen Bühnenverbandes)



27. 2

Eröffnung
zu Gast: PD Stephan Mösch (Chefredakteur der Zeitschrift “Opernwelt”)
Vortrag von Stephan Mösch: „Entwicklung und Tendenzen des Regietheaters“,
Im Anschluss Diskussion

28. 2.
zu Gast: Prof. Dr. Klaus Zehelein(Präsident der Bayerischen Theaterakademie, Präsident des deutschen Bühnenverbandes)
Vortrag von Klaus Zehelein zum Thema: „Hermeneutik und Performativität in „Cosìfantutte“ und Diskussion

1. 3.
Diskussion mit Klaus Zehelein, Führung durch das MUMUTH

 

 

Das 1. Treffen versucht eine Standortbestimmung. Welche Stile lassen sich in der Inszenierung von Opern des Repertoires festmachen? Welche Möglichkeiten sind bereits ausgeschöpft worden? Wo wäre nach neuen Möglichkeiten der Umsetzung zu suchen?

Der mit der Geschichte und aktuellen Praxis vertraute Kritiker Stephan Mösch gibt einen Überblick: Seit den 70ger Jahren etabliert sich auf den Opernbühnen das sog. „Regietheater“. Zuvor sahen sich Regisseure eher als Vermittler des Werkes und bemühten sich ihm in ihrer Deutung möglichst nahe zu kommen. Dagegen gewann nun die Sichtweise des Regisseurs eine größere Freiheit der eigenwilligen Interpretation.

Ein wichtiges Bedürfnis im gegenwärtigen Regietheater ist, die Unsicherheit und Aufsplitterung der Identität -  wie sie im aktuellen Erleben eine so große Rolle spielt – auch in der szenischen Interpretation darzustellen. Gerade hier kollidiert das Anliegen der Regie aber mit den Bedingungen des Opern-Gesangs, der ein In-sich-ruhen der Persönlichkeit, die Vorstellung einer Identität im Bewusstsein des Sängers zu erfordern scheint. Das teilt sich in den verschiedenen Gesangstheorien mit und manifestiert sich auch der utopischen Wirkung des Singens, wenn sie sich einstellt.  Vielleicht liegt in diesem Auseinanderdriften der Bedürfnisse  tatsächlich der Grund für die unbefriedigenden Ergebnisse vieler Regie-Theater-Interpretationen.

Der ertragreichste noch nicht ausgeschöpfte Ansatz scheint Herr Mösch für die Zukunft daraus folgend die Arbeit mit dem Phänomen der Stimme zu sein. „Nicht die Geschichte wäre zu inszenieren, sondern den Gesang“.  Der Gesang als Ereignis, das sich individuell und einmalig entfaltet, stellt sich in dieser Betrachtungsweise ins Zentrum. Er ist zudem als ein elementarer Aspekt von „Performativität“ in der Oper zu greifen, der zunächst nichts „bedeutet“ sondern nur für sich wahrgenommen werden kann.

In diesem Zusammenhang erscheint für die praktische Arbeit gerade das Bespiel einer Inszenierung aus der Zeit vor dem Regietheater besonders inspirierend: Das Zelebrieren der wirklichen Sängerin und ihres Gesanges abseits jeder Handlung oder Psychologie, wie es sich im Beispiel einer Figaro-Inszenierung von G. Rennert (Salzburger Festspiele, 50ger Jahre) präsentiert.

 

Mit Prof. Claus Zehelein ist eine der prägendsten Persönlichkeiten der Entwicklung des Musiktheaters zu Gast. Im Gespräch wird zunächst ein differenziertes dramaturgisches Lesen der Oper „Così fan tutte“ angeregt und aufgenommen. Im Sinne eines strukturalistischen Lesens – „Man muss die Texte anschauen, bis sie die Augen aufschlagen“ – wird der Text in seinen Aspekten (Musik, Dialog, Regieanweisungen) und seinem Kontext befragt. Als Themenfelder zeigen sich: Die besondere Rolle der Körper, in ihrer „Leiblichkeit“ und in ihrer „Fragmentierung“ / die Rolle der Objekte, insbesondere der anorganischen (Steine, Gold etc.),  die an zentralen Stellen angesprochen sind / die Rolle der Musik: „Was stellt die Musik in diesem Stück dar, was ist hier die Musik?“.

Diese „hermeneutische“ Herangehensweise eines genauen Lesens schärft allerdings auch den Blick für das „Performative“, das sich in den Texten andeutet: Die eigene Leiblichkeit der Sänger, wenn sie diese Rollen verkörpern und im Ablauf des Stückes auf ihre eigenen Körper hinweisen, und die besonderen Anforderungen des Singens, die sie verwirklichen müssen.

Die Fragestellungen im Sinne von Jacques Derrida versuchen Bruchstellen in Libretto und Partitur aufzufinden, Geheimnisse und Andeutungen. Mit J. Derrida befasst sich die Diskussion im Folgenden näher. Anhand seines Textes zum „Theater der Grausamkeit“ von Antonin Artaud werden die Begriffsfelder von Performativität und Hermeneutik greifbar als „Präsenz“ (d.h. im Sinne von Derrida: Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit) und „Repräsentation“ (Wiederholung, Einschreibung).

Das Theater als Medium strebt nach der Unwiederholbarkeit und verfällt immer wieder der Wiederholung, der man auch sowieso nie entkommen kann. Es steht zwischen „zwei Toden“: Der Erstarrung eines permanenten Todes in der Wiederholung der Repräsentation und dem Verlangen nach der Einmaligkeit eines schockartigen Todes, der Präsenz.

Weder dem Verlangen nach der Einmaligkeit des Ereignisses noch dem Zwang, immer wieder der Wiederholung zu verfallen kann man entkommen. Es sind die Bedingungen des menschlichen Daseins. Das Theater ist das Medium in dem diese Ambivalenz deutlich wird und – im besten Fall -  fruchtbar gemacht werden kann.

„Così fan tutte“ als Werk bietet sich besonders für eine Reflektion dieser Themen an. Aber es ist ein „gefährliches Stück“.  Warum macht man es trotzdem? „Weil es große Kunst ist“.