Beschreibung

Zwischen Hermeneutik und Performativität / Oper anders denken


Barbara Beyer; Foto: Martin MiotkBei der Analyse aktueller Operninszenierungen zeichnet sich ab, dass in den dekonstruierenden wie den aktualisierenden Umsetzungen des historischen Materials ein hermeneutischen Ansatz dominiert, bei dem das Werk immer  auf eine bestimmte Lesart hin gedeutet in Erscheinung tritt, die Lesart des Regisseurs / der Regisseurin. Das Konzept steht gegenüber dem Ereignis der Aufführung im Vordergrund. Die Interpretation vermittelt das Werk als eine lineare, zumeist psychologisierend und aktualisierend umgesetzte Geschichte. Die Handlung wird durch ihre Verlegung in ein greifbares, gegenwärtiges Milieu scheinbar näher gerückt und die Gestaltung der Charaktere  und ihrer Handlungen strebt einen psychologischen, „nachvollziehbaren“ Realismus an. Solche Ansätze wirkten Anfang der 70er Jahre befreiend, schockierten und bewegten, sind aber inzwischen längst zur Gewohnheit geworden und haben sich zu einem geschlossenen Stil verfestigt, dessen Problematik einerseits darin zu liegen scheint, dass sich dabei die Interpretation wie ein Filter vor das Werk schiebt und dem Zuschauer eine einzige Deutung des Werkes vorgibt. Andererseits wird die Fremdheit, das Historische des Materials, das Artifizielle der Musik und des Operngesanges ignoriert.
 
Für die Projektarbeit  stellt  sich nun die zentrale Frage: Ist  eine andere künstlerische Herangehensweise jenseits dieser inzwischen etablierten Deutungs-Muster vorstellbar? Das Projekt wird vom PEEK-Programm (Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste) gefördert, das sich der künstlerischen Forschung widmet. Es schließt an den Stand der musik- und theater-wissenschaftlichen Forschung zum Thema Performativität an. Gesellschaftsphilosophische Fragestellungen, die sich von so unterschiedlichen Positionen wie denen Dirk Baeckers oder Judith Butlers aus mit einem neu zu definierenden Kunstverständnis im Medienzeitalter befassen, geben ihm Anregungen. Diese Fragestellungen werden im Sinne künstlerischer Forschung praktisch auf die Arbeit im klassischen Opernformat angewendet: Wie könnte eine Inszenierung des Werkes gestaltet sein, die dem Zuschauer unterschiedliche Lesarten eröffnet? Wie kann eine Umsetzung des Werkes aussehen, die seine historische Distanz respektiert und mitreflektiert? Wie kann eine Theaterarbeit eher auf das Ereignis als auf bloße wiederholbare Interpretation ausgerichtet sein? Welches andere Selbstverständnis des Regisseurs könnte es geben, neben seiner klassischen Rolle als Vermittler zwischen Werk und Zuschauer?

Innovative Ansätze, wie der Einsatz performativer Mittel und Techniken der  Überschreibung, sollen im Zusammenhang mit der Kunstform Oper ausgelotet und weiter ausgebaut werden. Die Inszenierungsarbeit wird dabei als offener Prozess verstanden. Nicht die Darbietung einer wiederholbaren,  im Vorfeld fixierten,  eindeutigen Interpretation des Werkes, sondern die Aufführung als mehrdimensional lesbares Ereignis wird in den Fokus gerückt. Wie alle Akteurinnen und Akteure wird auch das Publikum als aktiver Bestandteil der Aufführung im Prozess der Sinngebung mitgedacht. Der Sinn soll nicht durch die Interpretation (des Regisseurs / der Regisseurin) eindeutig vorgegeben sein, sondern erst in der Spannung zwischen dem Werk, der Inszenierung mit allen beteiligten Instanzen und dem einzelnen Zuschauer neu und unvorhersehbar entstehen dürfen.
 
Dieser Ansatz soll durch Entwicklung, Reflexion und Gegenüberstellung verschiedener Umsetzungen experimentell erforscht werden. Bezugspunkt wird ein in seinen Regie-Theater-Interpretationen häufig diskutiertes Repertoire-Stück – „Così fan tutte“ von W. A. Mozart – sein. Das Projekt ist auf zwei Jahre veranschlagt. Ab Februar 2012 werden drei Regieteams, experimentell Inszenierungsansätze entwickeln und auf jeweils ihre Version von Mozarts Oper hinarbeiten. Dabei kooperieren erfahrene Künstlerinnen und Künstler mit Studierenden und AbsolventInnen aus vier verschiedenen europäischen Kunstausbildungsstätten. Anfang September 2013 werden die drei Versionen vollständig inszeniert, im Rahmen eines Festivals vorgestellt und diskutiert. Michael Hofstetter übernimmt die musikalische Leitung und dirigiert das Grazer Orchester Recreation. Den jungen RegisseurInnen und BühnenbildnerInnen soll damit die Möglichkeit gegeben werden, ihre Positionen einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und sich für ihre weitere Karriere auszuweisen.

Die praktische Inszenierungs-Arbeit wird von der Theorie, Reflexion und Diskussion gewidmeten Treffen gerahmt, bei denen sich die Projektmitarbeiterinnen und –mitarbeiter mit international renommierten ExpertInnen aus den für das Projekt relevanten Bereichen der Musiktheater- und Performance-Arbeit,  Musikwissenschaft,  Theaterwissenschaft  und der  Genderforschung austauschen. Als GesprächspartnerInnen konnten u. a. Klaus Zehelein, Carl Hegemann, Stephan Mösch, Christa Brüstle, Klaus Lang und Clemens Risi gewonnen werden. Ein abschließendes Symposion wertet die Ergebnisse aus und entwirft Perspektiven für weiterführende künstlerische Forschungsarbeiten.
 
Eine wichtige Intention des Projektes ist es, eine Diskussion über den Stand und die Möglichkeiten des Musiktheaters auf breiter Basis anzuregen. Es zielt darauf ab, die Werke des Repertoires neu zugänglich zu machen und in Hinblick auf einen Erkenntnisgewinn für die Gegenwart zu befragen. In einem weiteren Ausblick soll eine neue Relevanz des Mediums für die Gesellschaft und damit ein neues Publikum für die Oper gewonnen werden.

 

Bild: Barbara Beyer; Fotograf: Martin Miotk